Dazwischen #3: Nach der Wahl ist vor dem Diskurs. Warum sich Menschen dort reiben, wo der Gegenwind am stärksten ist
- 13. März
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Nicht erst nach der aktuellen Wahl frage ich mich, warum sich Menschen genau dort reiben, wo sie mit dem stärksten Gegenwind rechnen müssen.
Da wird mit überzeugten Feministinnen über die angebliche Unrechtsstellung von Vätern in Unterhaltsprozessen diskutiert, grünen Solarexperten über die Vorzüge der Atomkraft und engagierten Grundschulpädagoginnen über die These, öffentliche Schulen mit hohem Migrationsanteil, seien grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Auch in den besten Familien kollidieren Themen genau dort, wo die Weichen in die entgegengesetzte Richtung zeigen.
Man könnte meinen, es sei Provokation. Mir erscheint es eher wie ein Zwang von „Nicht-anders-können“. Aber warum?
Auch hier könnte das Thema Stimmigkeit eine Rolle spielen.
Jeder Mensch trägt bestimmte Erwartungen und Grundannahmen über sich selbst und die Welt in sich. Im ungünstigsten Fall gehört dazu das Gefühl, nicht ausreichend gehört zu werden, ungerecht behandelt zu sein oder mit der eigenen Sicht allein zu stehen. Wenn eine solche Basis vorhanden ist, entsteht nicht nur schnell die Erwartung, dass andere widersprechen, ablehnen oder die eigene Perspektive nicht anerkennen, sondern auch das Bedürfnis, das eigene Bild zu festigen und eine mögliche kognitive Dissonanz zu reduzieren.
Indem jemand ein provokatives Thema genau bei den Personen anspricht, die wahrscheinlich widersprechen, entsteht eine Situation, in der diese Erwartung erfüllt wird. Die Reaktion des Gegenübers, selbst wenn sie kritisch ist, passt dann zur eigenen inneren Annahme.
Erwartung und Erfahrung decken sich, und dadurch entsteht ein Gefühl von Stimmigkeit: „Genau so ist es ja.“ Der Konflikt dient in diesem Moment weniger der Verständigung als der Bestätigung des eigenen Weltbildes oder der eigenen Rolle in der Beziehung.
Gerade bei wichtigen Bezugspersonen wirkt diese Dynamik besonders stark. Dort steht Anerkennung, Zugehörigkeit oder Gesehenwerden stärker auf dem Spiel als bei Fremden. Auch negative Resonanz kann dann stabilisierend wirken, weil sie Aufmerksamkeit und Beziehung sichert und gleichzeitig die eigene innere Logik bestätigt. So entsteht eine selbstverstärkende Dynamik, in der Provokation, Gegenwehr und Bestätigung immer wieder dazu beitragen, dass sich das eigene Bild der Situation und damit die eigene Wahrnehmung von Stimmigkeit bestätigt.
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Ich habe eigentlich keine Lust, genau dafür Steigbügelhalter zu sein.



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